Anfängergeist am Nordpol

Die Haltung eines Übenden erfordert Offenheit und den Mut, sich einzugestehen, dass man nichts wirklich weiß.

Das Bild zeigt Seerobbe und Eisbär am Nordpol.

Eine Übung: Ich soll jeden Tag eine routinierte Tätigkeit achtsam und konzentriert erledigen. Aufkommenden Stresssituationen in dieser Tätigkeit mit Freundlichkeit begegnen, und bis zum klar definierten Ende  die Konzentration halten und Bewegungen meines Geistes beobachten. Wertfrei. Auch mir selber gegenüber.

Ich wähle das morgendliche Anziehen der beiden jüngsten Kinder. Es ist kalt draußen. Sie brauchen viele Anziehsachen. Insofern ist das Übungsfeld nicht gering mit Herausforderungen vermint.

Kurz vor Beginn der Übung, also dem anziehen, klingelt es an der Tür. Der Glaser. Er soll die Fensterscheibe im Jugendzimmer auswechseln. Diese ging vor einer Woche zu Bruch, als das Kind (Pardon, die Heranwachsende) beschloss den Fensterrahmen als Kleiderbügelaufhänger zu benutzen. Auf nicht nachvollziehbare Weise (evenuell weil der Fensterrahmen nicht auf das Gewicht von Wintermänteln und Reithosen ausgelegt ist?) sprang die Scheibe und wir übten uns alle in Bewunderung schlichter physikalischer Gesetze (Kraft pro Fläche ergibt Druck, wenn Druck größer als Flächenwiderstand, geht Fläche zu Bruch), und dem Training des Immunsystems. Denn der nun herrschende ständige Luftzug in unserer Wohnung ließ uns in durchschnittlichen arktischen Zuständen hausen.

Ich öffne also dem Glaser die Tür zu unserem eisigen Reich, weise ihm den Weg zum Nordpol und widme mich wieder der Aufgabe zwei Inuit-Kinder in ihre Oberbekleidung zu bringen.

Mit vollster Konzentration und Leidenschaft breite ich die Schneeanzüge auf dem Fußboden aus und bitte die Kinder hineinzuschlüpfen. Genauso leidenschaftlich entscheidet sich das jüngste Kind dafür, den Schneeanzug vom großen Bruder anziehen zu wollen. Trotzkopf. Halt, Wertung! Anfängergeist einschalten. Die Faszination des großen Schneeanzugs zu greifen versuchen. Der große Bruder hat mittlerweile mit der gleichen Leidenschaft die vehemente Verteigung seines Eigentums begonnen. Emapathiegeist einschalten. Sein Besitzdenken ist nachvollziehbar. Was soll er anziehen wenn seine Schwester den großen grünen Anzug hat? Er wird schwerlich im kleinen orangenen glücklich werden. Empathigeist weist also Anfängergeist in seine Schranken. Anfängergeist schmollt. Ich tröste ihn und wende mich mit ihm gemeinsam der kleinen Wüterine auf unserem Fußboden zu. Olivgrüner versus orang-roter Schneeanzug. Die Faszination für den olivgrünen bleibt bei mir aus, sosehr ich den Anfängergeist auch bemühe. Ich kann das nun einsetzende Geschrei und Tauziehen beider Kinder um den Schneeanzug nicht nachvollziehen. Mein Anfängergeist zuckt mit den Schultern. Er würde sich auch für den kleinen orange-roten Schneeanzug entscheiden, der nun vollkommen verwaist in der anderen Flurecke nach Aufmerksamkeit trachtet.

Der Glaser schaut aus der Zimmertür. Ihn irritiert wohl der Lärmpegel in unserem Flur. Und vermutlich auch die mittlerweile in Atemmeditation versunkene Mutter dabei (mein neu erlerntes Tool um Konflikten stressfrei zu begegnen). Ich werfe dem Glaser einen „alles-unter-Kontrolle-Kennerblick “ zu. Er verschwindet wieder zum Nordpol. Ich genieße einen letzten Atemzug bis zu meiner Bauchmitte hinunter, und beginne im Anschluss mit der Entwirrung des ineinander verhakten Kinderknäuls.

Wenn man den Kindern eines nicht unterstellen kann, dann einen umherziehenden, ablenkbaren Geist. Keine noch so süße Versprechung oder angestimmtes harmonisches Kinderliedchen von mir lassen sie aus ihrer Tätigkeit (der des gewaltvollen Raufens) herausbringen. Voller Konzentration und Hingabe sind beide in diesen Prozess vertieft. Wir Achtsamkeitsschüler könnten eine gute Lektion von ihnen lernen. Sie sind Meister der Achtsamkeit. Mit all ihren Sinnen und Gedanken sind sie bei ihrer Sache der gewaltvollen Auseinandersetzung und verbaler Verfluchung.

Ich wende mich um Rat suchend Anfängergeist und Empathiegeist zu. Beide zeigen sich konsterniert. Anfängergeist hätte schon längst den hübschen orange-roten Schneeanzug gewählt. Empathiegeist staunt währenddessen über die ausgereiften Kniffe und Karatetricks der Minderjährigen, sowie über deren Stimmgewalten und das Ausmaß an ihrem Fluchrepertoire.

Doch da wird das Kindergeschrei abrupt von rhythmischen Pochgeräuschen durchbrochen. Mein Herzschlag? So hoch schon der Adrenalinpegel? Ich wundere mich. Doch nein, der Glaser klopft die neue Scheibe im Rahmen fest. Die Kinder erstarren. Verwunderung darüber, dass ihr Lautstärkepegel überboten wurde, und dass dies überhaupt möglich ist. Geschickt nutze ich den kurzen Moment ihrer  Bestürzung aus, um sie erst auseinander zu haken, dann die Gliedmaßen zu den dazugehörigen Eigentümern zurück zu sortieren, und anschließend mit einem virtousen Griff das kleinste Kind in den orange-roten Anzug zu befördern. Und schnell, bevor der Übergriff bemerkt und lautstark angeprangert wird, den Reißverschluss hoch zu ziehen.

Nun haben die Kinder die Konsequenz ihres wandernden Geistes aber deutlich zu spüren bekommen. Jeder steckt in dem ihm passenden Schneeanzug. Die Reißverschlüsse haben geklickt. Es gibt kein zurück mehr. Vor allem nicht mehr zur belebende Rauferei. Der Spaß hat ein Ende, und alles nur, weil sie die Konzentration in ihrer Tätigkeit verloren und ihrer Aufmerksamkeit ungezügelten Lauf gelassen haben. Mein Anfängergeist lacht hämisch.

Der Glaser schaut wieder aus der Tür heraus. Ihn irritiert wohl die plötzlich eingetretene Stille in unserem Flur. Ich werfe ihm mein „wie-gesagt-alles-unter-Kontrolle-Blick“ zu.

Er nickt anerkennend und verzieht sich wieder Richtung Nordpol.

Ich beende zufrieden meine Achtsamkeitsübung und schicke alle Geister in die Pause.

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.