„Ich verspreche den Teilnehmern keine Entspannung!“

Stefanie Kunz leitet seit 2017 Achtsamkeitskurse. Ich sprach mit ihr über die Motivation ihrer Arbeit, die Menschen die zu ihr kommen und den Trend von Achtsamkeitstraining.

Liebe Stefanie – warum Achtsamkeitstraining? Seit wann praktizierst Du Achtsamkeitstraining, und was hat Dich dazu bewegt damit anzufangen und es später auch selber weiterzugeben? Gab es dafür einen bestimmten Auslöser, einen Schlüsselmoment in Deinem Leben?

Ich habe im Jahr 2008, als ich nach der Geburt meiner jüngsten Tochter und einem schwierigen ersten Jahr mit meinen Kräften am Ende war, einen Achtsamkeitskurs im buddhistischen Zentrum in der Kinzigstraße belegt. Auslöser dafür waren zunehmende Schlafstörungen, die drohten, sich zu manifestieren. Meine Tochter wurde nachts wach, schlief wieder ein. Aber ich blieb wach. In meinem Kopf drehten sich die Gedanken. Erschwerend kam der Aufbau meiner Selbstständigkeit/Freiberuflichkeit dazu. Dies fütterte meine Schlafstörung mit Inhalten. Ich suchte nach einem Weg meine Gedanken abschalten zu können, wieder zur Ruhe und zu mir selbst zu finden.

Mein erster MBSR-Kurs im buddhistischen Zentrum hat mir dabei sehr gut getan und wirklich wesentliches verändert. Der Schlaf hat sich gebessert und mein gesamtes Wohlbefinden auch. Dennoch fiel es mir damals, nach Ende des Kurses schwer, die regelmäßige Meditation aufrecht zu halten und diszipliniert beim Training zu bleiben.

Doch das Wohlgefühl, welches der Achtsamkeitskurs am Ende bei mir ausgelöst hatte, blieb nachhaltig in meiner Erinnerung. Nach einigen Jahren Pause suchte ich für mich nach einem neuen Weg Achtsamkeitstraining wieder intensiver zu praktizieren. Dabei stieß ich auf ein Weiterbildungsangebot von  Arbor-Seminaren zur MBSR-Lehrerin. Ich habe dort im Jahr 2015 die Grundausbildung begonnen und im Februar 2017 den Aufbaukurs dafür abgeschlossen.

Das Achtsamkeitstraining ergänzt und rundet meine Arbeit in vielen Bereichen perfekt ab

Seit September 2017 biete ich nun selber MBSR-Kurse in meiner Praxis an. Diese Kurse stellen für mich eine Arbeit dar, die mir als Ausgleich für die anstrengenden Prozesse im Coaching- und Supervisionsbereich sehr gut tut. Das Achtsamkeitstraining gibt mir viel zurück. Die Energiebilanz zwischen geben und nehmen stimmt, und rundet meine Arbeit auch in anderen Bereichen ab. So lasse ich in meine beraterischen und therapeutischen Tätigkeiten viele Elemente aus den Achtsamkeitskursen einfließen. Andersrum profitiere ich auch in den MBSR-Kursen von meinen langjährigen Berufserfahrungen als Psychologin, Therapeutin und Supervisorin. Kurz: das Achtsamkeitstraining möchte ich in meinem gesamten Berufsalltag nicht mehr missen.

Welche Menschen kommen in Deine Achtsamkeitskurse? Sind es Menschen bestimmter Berufsgruppen, sozialer Schichten oder in ähnlichen Lebenssituationen?

Es ist ein breit gemischtes Publikum welches meine Kurse besucht. Die meisten von ihnen haben einen bestimmten Leidensdruck. Eher selten kommen die Menschen nur aus Interesse oder Neugier.

Die häufigste Ursache für den Leidensdruck stellen Probleme, Unzufriedenheit oder dauerhafte Stresssituationen im Job dar. Andere Ursachen sind auch Schwierigkeiten in der Vereinbarung von Familie und Beruf, oder erhöhte Verantwortungsbereiche, wie zum Beispiel Kindererziehung. Wobei junge Eltern eher selten kommen, sie finden wohl neben der ständigen Kinderpräsenz nicht den Raum, die Zeit und die Kraft dafür (lacht).

Die Menschen sind meistens auf einer gewissen Suche nach sich selbst. „Was ist mir wichtig? Wo soll es in meinem Leben hingehen? Wie komme ich aus einem bestehenden Hamsterrad heraus?“ sind Fragestellungen, die diese Menschen bewegen. Meistens stehen sie an einem Punkt der Entscheidungsfindung, Kehrtwende in ihrem Leben.

Aus dem Achtsamkeitskurs nehmen die Menschen die Erkenntnis mit, dass man sich selber auf der Prioritätenliste des Lebens und der Aufgaben ganz oben setzen sollte, wenn man langfristig zufrieden sein und damit auch erfolgreich im Beruf und im Alltag sein möchte.

Kommen auch Menschen mit bestimmten Krankheiten oder Symptomen zu dir? Kann Achtsamkeit auch bei der Therapie bestimmter Krankheiten helfen? Wenn ja, bei welchen?

Achtsamkeitstraining ist nicht per se ein spezielles Programm gegen Krankheiten. Trotzdem gibt es entsprechende Studien dazu, dass Achtsamkeitstraining auch zur Linderung von Schmerzen und Krankheitssymptomen eingesetzt werden kann. In meine Praxis kommen oft Menschen mit Stresssymptomatiken wie Unruhezuständen, Schlafstörungen oder Migräne.

Kannst Du diesen Menschen mit Deinem Programm helfen? Erfahren sie Linderung?

Nicht zwangsläufig. Aber sie durchlaufen unterschiedliche Erkenntnisprozesse. Zum Beispiel stellte eine Teilnehmerin neulich beim Bodyscan (eine Übung, bei der die Konzentration nacheinander selektiv auf jedes einzelne Körperteil gelenkt wird, Anmerkung der Red.) fest, dass das meiste an ihrem Körper ja in Ordnung ist. Dass die Schmerzen, die ihr Leben so dominieren nur auf einen sehr kleinen Teil ihrer selbst begrenzt sind.

Unser Gehirn ist darauf fokussiert, Schwierigkeiten in den Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit zu stellen. In diesem Sinne auch Schmerzen. Das ist evolutionär bedingt, um Gefahren rechtzeitig wahrzunehmen und entsprechend darauf zu reagieren. Heutzutage ist dies nicht immer von Vorteil und kann zu Stresserscheinungen und -symptomatiken führen. Den Wolf, vor dem wir eigentlich fliehen möchten, gibt es in dieser Art ja nicht wirklich (lacht).

Im Achtsamkeitstraining werden Gedanken und Gefühle unter die Lupe genommen, und auf ihre Verantwortlichkeiten für unser Befinden hin untersucht.

Achtsamkeit soll dabei in zwei Richtungen helfen: Einmal eine hohe Wahrnehmungsbreite aufbauen, andererseits aber auch den Schmerz oder Stress zu differenzieren. Was ist mein Schmerz? Wer bin ich? Wie ist meine Lebenssituation? Inwiefern verstärke ich durch mein Verhalten/meine Reaktionsmuster die Schmerzen? Indem ich mir beispielsweise selber Vorwürfe mache, oder mich immer mehr zurückziehe oder in eine Schonhaltung gehe, kann ich chronische Schmerzen generieren oder verstärken.

Durch Meditation werden Gedanken und Gefühle unter die Lupe genommen. Welche Gedanken lösen welche Körpergefühle in mir aus? Viele Körpergefühle sind Ursachen für chronische Schmerzen. Zum Beispiel durch Verspannungen. Diese können durch einen achtsamen Umgang mit unseren Gedanken und unsere körperliche Reaktionen darauf, oder durch eine veränderte Einstellung den Schmerzen gegenüber gelindert werden.

Worin, denkst du, unterscheidet sich Achtsamkeitstraining von anderen Mental-Health-Programmen, zum Beispiel Yoga? Was hebt Achtsamkeitstraining für Dich heraus?

Yoga bildet einen Teil des Achtsamkeitsprogramms. Erweitert wird es aber beim Achtsamkeitstraining durch die Einbindung einer geistigen Komponente. Wir machen nicht nur körperliche Übungen, wir beobachten auch unseren Geist dabei. Und helfen ihm, sich immer wieder auf den Moment und das aktuelle Geschehen, zum Beispiel eine Yogaübung zu zentrieren.

Achtsamkeitstraining erfordert zunächst Disziplin

Viele Anbieter von Mental-Health-Programmen rücken den Entspannungsfaktor in den Vordergrund. Das ist beim Achtsamkeitstraining nicht so. Ich verspreche den Teilnehmern keine Entspannung. Dies, oder ein ähnlicher Zustand, kann zwar nach einiger Zeit einsetzen. Muss es aber nicht zwangsläufig.

Zu Beginn ist Achtsamkeitstraining anstrengend. Wir üben unseren Geist und unsere Konzentration zu halten. Das erfordert zunächst Disziplin.

Was denkst Du, wird Achtsamkeitstraining seinem Trendstatus gerecht? Wie sind Deine Prognosen: ist der Trend nur zeitbegrenzt oder siehst Du eine nachhaltige Beständigkeit von Achtsamkeitstraining auf dem Markt?

Jeder Trend hat seine Begründung und wächst aus einem Bedürfnis der Gesellschaft heraus. Achtsamkeitstraining ist kein Allheilmittel gegen all unsere Probleme, aber es kann uns helfen in Lebenssituationen oder mit bestimmten Schwierigkeiten klar zu kommen, sie aus einer anderen Perspektive wahrzunehmen.

Ich denke, Achtsamkeitstraining wird Bestand haben, es wird seinen Platz langfristig in der Gesellschaft und bei den Menschen die seiner bedürfen finden. Ich bin sehr froh darüber, Achtsamkeitstraining für mich selber entdeckt zu haben, und die positiven Erfahrungen und Erkenntnisse von Achtsamkeitstraining an andere weitergeben zu können.

Vielen Dank für das Interview!

Auf dem Bild sieht man Stefanie Kunz im Gespräch.
Stefanie Kunz spricht über den Wolf, der uns in Anspannung versetzt. Und wie Achtsamkeit helfen kann diesen zu zähmen.
Über Stefanie Kunz

Stefanie Kunz arbeitet seit 2007 im Beratungshaus Friedrichshain als Coach, Supervisorin und Therapeutin mit dem Schwerpunkt Arbeitsorganisation und Burn-Out. Seit 2017 bietet sie in ihrer Praxis Kurse für Achtsamkeitsbasierte Stressbewältigung (MBSR) an. Ich sprach mit Stefanie über die Motivation ihrer Arbeit, die Menschen die zu ihr kommen und den Trend von Achtsamkeitstraining.

 

Rosinenübung

Mit dieser Übung erhalten Eltern die Möglichkeit, eine so gewöhnliche Tätigkeit wie das Essen einer Rosine auf neue Weise zu erfahren und zu erleben. Sie üben den „Anfängergeist“. Mit derselben Achtsamkeit sollen sie später auch ihren Familien begegnen.

Acht Menschen sitzen in einer Runde. Der Raum ist hell, warm und gemütlich. Und besser noch: nicht ich habe ihn aufgeräumt. Das macht ihn mir umso sympathischer. Alle schauen freundlich. Oder ist es eher Erleichterung? Erleichterung darüber, endlich einen Weg hinaus aus dem Alltagsterror – aus Wäschebergen, Kinderkrankheiten, klingelnden Telefonen gefunden zu haben. Wir alle tun etwas gutes für uns, um gut für unsere Kinder zu sein. Das legitimiert unser Hiersein und lässt uns mit bestem Gewissen erwartungsvoll in die Gruppe schauen.

Wir stellen uns vor. Lernen uns kennen – unsere Namen, unsere Familienkonstellationen. Ein wenig auch unsere Probleme, aus distanzierter, pointierter Sicht. Und damit auch unsere Hoffnungen, unsere Sehnsüchte nach dem Menschen der wir gerne sein würden, das bessere Ich unserer selbst. Ich gestehe: das besser Ich meiner selbst hätte schlichtweg schon erwachsene, selbstständige, erfolgreiche Kinder. Die allenfalls zu Weihnachten, und dann mit verpackten Nettigkeiten unterm Arm bei mir vorstellig werden.

Die Psychologin nickt wohlwollend, lacht viel und raschelt vielversprechend mit einer Brötchentüte. Sie bittet uns darum, uns acht Wochen auf den Kurs und seine Inhalte einzulassen. Zweifel zu beobachten, aber nicht in Dialog mit ihnen treten. Acht Wochen Offenheit für neue Erfahrungen und Ansätze. Ich bin frei von Zweifeln. Ich fühle mich wohl. Keiner schreit mich an oder wirft mit angesabberten Bio-Brezeln um sich. Mein Telefon wurde zum schweigen verdammt. Mir ist warm und trocken. Warum sollte ich zweifeln?

Die geheimnisvolle Brötchentüte wird geöffnet. Heraus kommen kleine braune Bröckchen gekugelt. Rosinen. Diese sollen wertfrei und zentriert erkundet werden. Aussehen, Geruch, Beschaffenheit, Geschmack beim lutschen, Konsistenz beim kauen, Gefühl beim runter schlucken. Langsam. Unendlich langsam. An nichts denken. Außer an die Rosine.

Die Rosinenübung

Meine Rosine verselbstständigt sich. Sie wandert quasi im Alleingang zum Magen hinab. Ohne mein Zutun. Wie konnte das geschehen? Hoffentlich merkt es keiner. Ich unterbreche also meine Kaubewegungen nicht und malme eifrig und für alle sichtbar konzentriert auf bloßem Speichel in meinem Mund weiter. Zugeben dass ich die Kontrolle über den Werdegang der Rosine verloren habe? Niemals! Ich kaue also und bemühe mich um einen möglichst meditativen und geistzentrierten Gesichtsausdruck. Ich trickse – nun, da das Objekt meiner Aufmerksamkeit sowieso schon zur weiteren Zersetzung verschwunden ist, kann ich meinem Geist auch etwas Ablenkung gestatten. Vor dem Fenster verführt die Sonne und ich strukturiere schon mal den bald folgenden Nachmittag. Reihenfolge des Kindereinsammelns, Spielplatzbesuch, Einkauf, Geburtstagsvorbereitungen.

Die Psychologin holt mich zurück. Weitere Rosinen werden verteilt. Schon wieder? Ich dachte, das hätten wir jetzt fertig erfahren. Meine Hand klebt vom Rosinen-Vermatschen, und eigentlich würde ich mich nun mehr darüber freuen, Hände waschen und in beschwingtere Aktivitäten einsteigen zu können.

Aber nein, wieder meditatives Rosinenbeschnuppern. Ich bringe nun meine ganze Konzentration auf, die jetzige Rosine nicht wieder an den Autopilot-Modus zu verlieren. Ich schiebe sie achtsam durch den Mund und freue mich auf die Süße, die sich erst verbreitet, wenn es uns erlaubt ist die Rosine zu zerbeißen. Ich denke ein wenig über das Mittagessen nach, das mich bald erwarten könnte, wenn jemanden aus der Familie während meiner Abwesenheit die Inspiration befallen würde, in unserer Küche konstruktiv tätig zu werden. Ich befürchte einen gewissen familiären Mangel an solch Ideenreichtum und vernehme ein eindringliches Bauchknurren.

Ich lenke meinen Geist wieder zurück. Zurück zur Rosine. Die Rosine. Die Rosine die sich gerade eben noch in meinem Mund befand. Nicht mehr aufzufinden. Mein Mund rechts, mein Mund links. Ich malme automatisch und blicke mit meinem inneren Auge panisch in meiner Mundhöhle umher. Offensichtlich gab es wieder erfolgreiche Fluchtversuche und die Rosine gesellte sich eigenmächtig  zu ihrer Vorgängerin.

Mich befallen Selbstzweifel. Wie soll ich es schaffen eine Bande Minderjähriger zu bändigen und zu gesellschaftskonformen Menschen heran zu ziehen, wenn sich sogar Rosinen meinem Willen widersetzen und unbefugte Wege durch meinen eigenen Körper einschlagen?

Ich verzweifle und falle innerlich zusammen. Selbstmitleid macht sich breit.

Eine Stimme klopft an. Die Psychologin. Sie verteilt weitere Rosinen. Ich mag nicht mehr.

Ich soll meine Gefühle beobachten. Sie wahrnehmen und willkommen heißen. Mein Selbstmitleid also. Es fühlt sich sogleich wohl. Ich würde es beim Rosinenbetasten gerne wieder vor die Tür setzen. Aber es spielt nun mit. Mit mir und der Rosine.

Bin ich traurig? Warum bin ich traurig? Was haben die Furchen auf der Rosinenhaut mit mir zu tun? Das Selbstmitleid hat Freude an der Rosine. Es schlürft und schlabbert über die Rosinenoberfläche, saugt an ihrem süßen Saft. Die Rosine mag das Selbstmitleid. Sie werden Freunde. Die Rosine verschwindet nicht mehr. Sie bleibt bei mir. Bei Selbstmitleid und mir. Selbstmitleid und ich, wir streicheln uns ein bißchen. Wir kennen uns und haben uns wohl gerne. Rosine lacht. Sie findet das lustig. Wir haben Spaß. Rosine, Selbstmitleid und ich. Wir drei. Wir schubsen uns von rechts nach links, saugen aneinander, bekitzeln uns. Selbstmitleid hält Kitzel am wenigsten aus.  Es kichert und gackert. Rosine auch. Nur leider ist Rosine schon in einem sehr zugesetzten physischen zustand. Es wird wohl nicht mehr lange gut mit ihr gehen.

Und da. Das Kommando. Langsam schlucken.

Ein letzter innerer Blick. Noch ein Abschiedskuss. Selbstmitleid weint eine kleine Träne. Wir winken uns nochmal zu. Rosine geht.

Und Selbstmitleid mit ihr.

 

Das Bild zeigt ein lachendes Rosinengesicht.

Intermezzo

Erkenntnis statt Sieg

Am Bahnhof fällt mir eine Hochglanz-Zeitschrift in die Hand.

Das Cover verspricht über die Kraft der Meditation aufzuklären. Selbstverständlich: eine Frau auf dem Bild, den Blick auf den Sonnenaufgang (oder ist es ein Untergang?) am Horizont über Wasser und Berge gerichtet, auf malerischen Steinen unter einem Olivenbaum im Lotussitz meditierend.

In solch einem Setting würde selbst mir nichts anderes mehr einfallen, als die Transzendenz ins Nirvana anzutreten. Vermutlich jenseits jedes WLAN- oder gar Handy-Netzes, welches einem im Minutentakt irdische Arbeitsanweisungen diktiert.  Wie stärken wir Mitgefühl und Achtsamkeit? – bitte, ich habe die Antwort: staatliche Versorgung eines jeden arbeitstätigen Elternteils mit täglich eigenem Sonnenuntergang, fernab von Kindergeschrei und Geschirrspüler-Brummen. Inklusive Olivenbaum und  Fließgewässerzugang. Nur für Erwachsene. Betonung liegt auf NUR.

Mein Mitgefühl würde doppelt-proportional zur Schönheit der Landschaft wachsen, und bei Abstinenz von Minderjährigen vermutlich vor lauter Achtsamkeit einen dreifachen Heiligenschein an meinem Hinterkopf aufleuchten lassen. In Neonfarben. Ich bezahle die Zeitschrift und lese in der Bahn (fällt das nun schon unter achtloses Multitasking: Bahn fahren UND lesen?).

Verschiedene Meditationstechniken werden vorgestellt, ein Selbsterfahrungsbericht folgt. Mein Telefon klingelt. Die Kinderärztin. Ob die Physiotherapie-Folgeverordnung medizinisch indiziert sei? Natürlich nicht, ich suche aus purem Hobbymangel wöchentlich mit dem Kind die Physiopraxis auf (spätestens jetzt unachtsames Multitasking: Bahnfahren, weiterlesen, telefonieren UND innerlich die Kinderärztin sarkastisch verfluchen).

Stille, mitten im Alltag?

Rosinenübung und Bodyscan. Der Autor beschreibt am Ende seiner Retreats keinen Druck mehr von außen zu verspüren, für schlechte Gedanken und Stress nicht mehr empfänglich zu sein.  Arrogant über den Dingen, über den Problemen zu stehen. Beeindruckend.

Ich google (Bahn fahren, lesen und googeln). Aha, freier Journalist, reist durch die Welt und dokumentiert. Klar, keine Überflutungen im Bad, tägliche zu leerende Windeleimer, Einkaufslisten und chronische Kinder-Bronchitiden. Oder gibt es Tatsache einen Weg dahin, reflektiert über bellendem nächtlichen Kinderhusten zu stehen, mit Herzmeditation gelassen dem Trotzalter zu begegnen und durch Perspektiv-Dyade pubertierenden Verbalattacken sachlich stand zu halten?

Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass tägliche Achtsamkeitsübungen sozialen Stress abpuffern und die Fähigkeit Mitgefühl aufzubauen stärken. Mit anderen Worten: einen rundum angenehmeren Mitmenschen aus mir machen würden. Wäre es also der positiven Entwicklung meiner Kinder förderlich, wenn ich sie mit meiner physischen Abwesenheit konfrontiere um selber still-sitzen und atmen zu üben? (Oder wäre schlichtweg allein meine physische Abwesenheit schon der Schlüssel zu ihrer glücklichen Kindheit?)

Meine Heimat, mein Anker, meine Kraftquelle: Alles liegt nur in mir selbst und hängt von nichts und niemand anderem ab.“ Genau diese Erkenntnis könnten einige in meinem Haushalt lebende gut gebrauchen. Zum Beispiel die Absenderin der mich gerade erreichenden sms: „Bin grade Mega umgeknickt un jz tut mein Fus wieda weh“.

Könnte ich nicht die Kinder an meiner statt zu dem Kurs schicken? Sie still-sitzen und atmen lehren lassen, und selber daheim Latte-Macchiato schlürfen und Hochglanz Zeitschrift studieren?

Bei dem Gedanken an meine Kinder auf Meditationskissen balancierend muss ich lachen. Soll doch die Psychologin zeigen, was ihr teuer bezahltes Studium sie gelehrt hat. Erschöpfte Mütter zu bändigen ist keine Kunst. Einen Haufen Testosteron-geladener Heranwachsender umso mehr. Im Kopf formuliere ich eine Anfrage nach einem Kurs. „Mindful Childhood“ – mit Rosinenschlachten und Bodypainting zu besserer Körperwahrnehmung und Selbsterkenntnis.

Und für die Eltern im Nachbarraum oben erwähnter Sonnenuntergang unterm Olivenbaum.

 

Quelle des dickgedruckten Textes und der Abbildung: „Die Kraft der Meditation“ in GEO Ausgabe 02 2018.

Infoabend

Besteht Interesse an einer Kursteilnahme, können Sie sich zu einem unverbindlichen Achtsamkeits-Infoabend anmelden.

,Hier sitze ich nun. Um mich herum leere Stühle, nur zaghaft füllen sich die Reihen.

Die Praxis war nicht schwer zu finden, den Weg zur Wohnungstür dafür umso schwerer. Das Abendbrot musste nach vorne verschoben werden, verwirrte Kindergesichter. Schlafanzüge schon am späten Nachmittag angezogen. Noch mehr Verwirrung. Ja und? Ist doch gemütlich.

Ein großer Farn beeindruckt mich und löst sogleich bekannte Selbstzweifel aus: warum dümpeln meine eigenen immer nur auf Plastik-Farn-Größe herum? Eine junge Frau betritt den Raum – natürlich: bunter Selbststrick-Pullover, Wollsocken. Ich meine fast eine Rastasträhne am Hinterkopf auszuspähen. Engelsgleich lässt sie sich auf einen der Stühle nieder.

Die Kursleiterin bietet Tee und Wasser an. Wann hat mir jemand das letzte Mal ein Getränk gebracht? Dafür, und für diesen wunderbar aufgeräumten Raum, wäre ich bereit den Kurs sofort zu buchen. Ein fülliger Mann im Geschäftsanzug kommt lachend zur Tür herein. Eine schüchterne kleine Frau huscht hinterher. Wir verteilen uns wie gleich gepolte Magnetkugeln auf die Stuhlreihen. Jeder mit größtmöglichem Abstand zum anderen. Die Veranstaltung beginnt.

Ich gehe im Kopf die To-Do-Liste von heute durch. Hatte ich nicht noch die Zahnarztpraxis anrufen wollen, einen Termin verschieben?

Präsent sein im gegenwärtigen Moment

Die Kursleiterin, eine gelernte Psychologin, spricht über ihre eigenen Erfahrungen mit Achtsamkeitstraining. Die Kunst im Moment zu leben. Über die wissenschaftlichen Forschungsergebnisse zu positiven Auswirkungen von Achtsamkeitsübungen bei chronische Erkrankungen.

Ich schiele verstohlen auf mein Handy. Artig hatte ich es auf lautlos geschaltet. Nun zeigt mir mein Sperrbildschirm diverse Problemlagen daheim an. Wo der gewünschte Cous-Cous-Salat zu finden sei? Warum das eine Kind das andere nicht mehr ins Bad lasse? Kreative Fluchrhetoriken.

Das Achtsamkeitsprogramm erfordert jeden Tag 45 Minuten Zeit zum üben. Daheim in Eigenregie, mit Hilfe von Audiodateien.

Mein inneres Ich lacht laut auf. Es stellt sich die Blicke daheim vor, wenn ich, statt die Waschmaschine auszuräumen oder Kartoffeln zu fritieren, im Lotussitz mit Klangschalen-Untermalung das Wohnzimmer beräuchere. Ich dachte, der Kurs ist speziell für Eltern. Hat schon mal wer Eltern kennengelernt, die auf der Suche nach einer Aktivität sind, um 45 freie Tagesminuten zu befüllen?

Es soll geübt werden, Situationen offen und wertfrei zu begegnen. Nicht zu urteilen. Den Moment wahrzunehmen und anzunehmen wie er ist. Sich vollkommen in der Gegenwart zu befinden. Mein Blick schweift zum Handy-Bildschirm. „Mama, wann kommst du endlich?“ Die Gegenwart?

Ich lege das Handy in die Tasche und drehe den Bildschirm nach unten.

Wir machen eine Übung. Augen schließen. Den Körper spüren. Die einzelnen Körperteile scannen. Hatte ich schon immer einen Nacken? Meine Schultern lassen sich fallen. Tief, noch tiefer. Ich atme ein. Tief, noch tiefer. Und wieder aus. Ich spüre in meine Füße, Hände und Kopf hinein. Ich verabschiede die sich darin befindenden Gedanken und genieße die Leere. Ich atme wieder ein und aus. Wir öffnen die Augen.

Ich greife in die Tasche und schalte den Bildschirm schwarz.

Achtsamkeit im Familienwahnsinn?

Mit Hilfe der Achtsamkeitspraxis schalten wir vom Aktions-Modus in den Seins-Modus und dämpfen so die hektische Aktivität unseres Antriebserregungssystems.

Es ist einer jener normalen Tage im undefinierten Jahreszeiten Bereich.

Ich schalte auf Autopilot und erledige den Morgen. Aufstehen, Geschirrspüler, Geister wecken, Ansagen, Butterbrote, Zahnbürsten, Schichten überstülpen, die Öffentlichkeit betreten.

Nächster Schritt: Öffentlichkeitsmodus. Lächeln, Grüßen, Ansagen in lieblicherer Stimme, wieder lächeln. In der Kita zureden, trösten, besprechen, Nase putzen, zerknüllten Zettel aus dem Fach räumen, Jackentasche. Schule. Einkaufen. Nach Hause kommen, Schlüssel suchen, Zettel finden, Schlüssel finden. Aufschließen. Zettel weglegen. Ausräumen. Aufräumen. Zettel wieder in der Hand halten. Mülleimer. Scannerblick.

„Mindful Parenting – Stressbewältigung und Selbstfürsorge im 8-Wochen-Training für Eltern“  

Zynisches Lächeln. Mülleimer auf. Klappe zu. Bad putzen: Handtücher aufheben, schütteln, aufhängen, rotes Badewasser von gestern ablassen. Toilette wischen, sich den Kopf am Trockner stoßen. Kopf reiben, dabei den Besen holen. Boden fegen, Zahnbürsten aufsammeln, einsortieren, Blick in den Spiegel. Autopilot aus.

Wer schaut mich an? Gelbe Katze. Daneben eine Frau. Gedanken schweifen. Neue Stellenangebote vom Arbeitsamt, Termin beim Zahnarzt vereinbaren, Bewerbungsfotos suchen.

Mindful parenting?

Ein neues Buch? Eine Teesorte? Schokolade? Wieder zum Mülleimer, Zettel raussuchen. Müllbeutel auswechseln, Schubladen schließen.

Stressbewältigung und Selbstfürsorge im 8-Wochen-Training.

Esoterischer Räucherkurs für emotionsgesteuerte Eltern in der Sinnkrise?

8-wöchiges Achtsamkeitstraining, positive Wirkung auf elterliches Stresserleben.

Wer hat die Waschlappen hinter die Heizung befördert? Ich hole den Besenstiel. Ein Blick noch in den Prospekt.

Werden Eltern sich ihrer Verhaltensmuster und deren emotionaler Kraft sowie den negativen Effekten bewusst.

Die Waschlappen stecken fest, dafür kommt eine raumfüllende Staubschicht zutage. Ich eile zum Staubsauger und kämpfe mit der Stromversorgung.

Übungen der Selbstfürsorge die helfen können schädigende Automatismen zu erkennen und zu durchbrechen.

Ich halte inne.