Intermezzo

Erkenntnis statt Sieg

Am Bahnhof fällt mir eine Hochglanz-Zeitschrift in die Hand.

Das Cover verspricht über die Kraft der Meditation aufzuklären. Selbstverständlich: eine Frau auf dem Bild, den Blick auf den Sonnenaufgang (oder ist es ein Untergang?) am Horizont über Wasser und Berge gerichtet, auf malerischen Steinen unter einem Olivenbaum im Lotussitz meditierend.

In solch einem Setting würde selbst mir nichts anderes mehr einfallen, als die Transzendenz ins Nirvana anzutreten. Vermutlich jenseits jedes WLAN- oder gar Handy-Netzes, welches einem im Minutentakt irdische Arbeitsanweisungen diktiert.  Wie stärken wir Mitgefühl und Achtsamkeit? – bitte, ich habe die Antwort: staatliche Versorgung eines jeden arbeitstätigen Elternteils mit täglich eigenem Sonnenuntergang, fernab von Kindergeschrei und Geschirrspüler-Brummen. Inklusive Olivenbaum und  Fließgewässerzugang. Nur für Erwachsene. Betonung liegt auf NUR.

Mein Mitgefühl würde doppelt-proportional zur Schönheit der Landschaft wachsen, und bei Abstinenz von Minderjährigen vermutlich vor lauter Achtsamkeit einen dreifachen Heiligenschein an meinem Hinterkopf aufleuchten lassen. In Neonfarben. Ich bezahle die Zeitschrift und lese in der Bahn (fällt das nun schon unter achtloses Multitasking: Bahn fahren UND lesen?).

Verschiedene Meditationstechniken werden vorgestellt, ein Selbsterfahrungsbericht folgt. Mein Telefon klingelt. Die Kinderärztin. Ob die Physiotherapie-Folgeverordnung medizinisch indiziert sei? Natürlich nicht, ich suche aus purem Hobbymangel wöchentlich mit dem Kind die Physiopraxis auf (spätestens jetzt unachtsames Multitasking: Bahnfahren, weiterlesen, telefonieren UND innerlich die Kinderärztin sarkastisch verfluchen).

Stille, mitten im Alltag?

Rosinenübung und Bodyscan. Der Autor beschreibt am Ende seiner Retreats keinen Druck mehr von außen zu verspüren, für schlechte Gedanken und Stress nicht mehr empfänglich zu sein.  Arrogant über den Dingen, über den Problemen zu stehen. Beeindruckend.

Ich google (Bahn fahren, lesen und googeln). Aha, freier Journalist, reist durch die Welt und dokumentiert. Klar, keine Überflutungen im Bad, tägliche zu leerende Windeleimer, Einkaufslisten und chronische Kinder-Bronchitiden. Oder gibt es Tatsache einen Weg dahin, reflektiert über bellendem nächtlichen Kinderhusten zu stehen, mit Herzmeditation gelassen dem Trotzalter zu begegnen und durch Perspektiv-Dyade pubertierenden Verbalattacken sachlich stand zu halten?

Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass tägliche Achtsamkeitsübungen sozialen Stress abpuffern und die Fähigkeit Mitgefühl aufzubauen stärken. Mit anderen Worten: einen rundum angenehmeren Mitmenschen aus mir machen würden. Wäre es also der positiven Entwicklung meiner Kinder förderlich, wenn ich sie mit meiner physischen Abwesenheit konfrontiere um selber still-sitzen und atmen zu üben? (Oder wäre schlichtweg allein meine physische Abwesenheit schon der Schlüssel zu ihrer glücklichen Kindheit?)

Meine Heimat, mein Anker, meine Kraftquelle: Alles liegt nur in mir selbst und hängt von nichts und niemand anderem ab.“ Genau diese Erkenntnis könnten einige in meinem Haushalt lebende gut gebrauchen. Zum Beispiel die Absenderin der mich gerade erreichenden sms: „Bin grade Mega umgeknickt un jz tut mein Fus wieda weh“.

Könnte ich nicht die Kinder an meiner statt zu dem Kurs schicken? Sie still-sitzen und atmen lehren lassen, und selber daheim Latte-Macchiato schlürfen und Hochglanz Zeitschrift studieren?

Bei dem Gedanken an meine Kinder auf Meditationskissen balancierend muss ich lachen. Soll doch die Psychologin zeigen, was ihr teuer bezahltes Studium sie gelehrt hat. Erschöpfte Mütter zu bändigen ist keine Kunst. Einen Haufen Testosteron-geladener Heranwachsender umso mehr. Im Kopf formuliere ich eine Anfrage nach einem Kurs. „Mindful Childhood“ – mit Rosinenschlachten und Bodypainting zu besserer Körperwahrnehmung und Selbsterkenntnis.

Und für die Eltern im Nachbarraum oben erwähnter Sonnenuntergang unterm Olivenbaum.

 

Quelle des dickgedruckten Textes und der Abbildung: „Die Kraft der Meditation“ in GEO Ausgabe 02 2018.

Achtsamkeit im Familienwahnsinn?

Mit Hilfe der Achtsamkeitspraxis schalten wir vom Aktions-Modus in den Seins-Modus und dämpfen so die hektische Aktivität unseres Antriebserregungssystems.

Es ist einer jener normalen Tage im undefinierten Jahreszeiten Bereich.

Ich schalte auf Autopilot und erledige den Morgen. Aufstehen, Geschirrspüler, Geister wecken, Ansagen, Butterbrote, Zahnbürsten, Schichten überstülpen, die Öffentlichkeit betreten.

Nächster Schritt: Öffentlichkeitsmodus. Lächeln, Grüßen, Ansagen in lieblicherer Stimme, wieder lächeln. In der Kita zureden, trösten, besprechen, Nase putzen, zerknüllten Zettel aus dem Fach räumen, Jackentasche. Schule. Einkaufen. Nach Hause kommen, Schlüssel suchen, Zettel finden, Schlüssel finden. Aufschließen. Zettel weglegen. Ausräumen. Aufräumen. Zettel wieder in der Hand halten. Mülleimer. Scannerblick.

„Mindful Parenting – Stressbewältigung und Selbstfürsorge im 8-Wochen-Training für Eltern“  

Zynisches Lächeln. Mülleimer auf. Klappe zu. Bad putzen: Handtücher aufheben, schütteln, aufhängen, rotes Badewasser von gestern ablassen. Toilette wischen, sich den Kopf am Trockner stoßen. Kopf reiben, dabei den Besen holen. Boden fegen, Zahnbürsten aufsammeln, einsortieren, Blick in den Spiegel. Autopilot aus.

Wer schaut mich an? Gelbe Katze. Daneben eine Frau. Gedanken schweifen. Neue Stellenangebote vom Arbeitsamt, Termin beim Zahnarzt vereinbaren, Bewerbungsfotos suchen.

Mindful parenting?

Ein neues Buch? Eine Teesorte? Schokolade? Wieder zum Mülleimer, Zettel raussuchen. Müllbeutel auswechseln, Schubladen schließen.

Stressbewältigung und Selbstfürsorge im 8-Wochen-Training.

Esoterischer Räucherkurs für emotionsgesteuerte Eltern in der Sinnkrise?

8-wöchiges Achtsamkeitstraining, positive Wirkung auf elterliches Stresserleben.

Wer hat die Waschlappen hinter die Heizung befördert? Ich hole den Besenstiel. Ein Blick noch in den Prospekt.

Werden Eltern sich ihrer Verhaltensmuster und deren emotionaler Kraft sowie den negativen Effekten bewusst.

Die Waschlappen stecken fest, dafür kommt eine raumfüllende Staubschicht zutage. Ich eile zum Staubsauger und kämpfe mit der Stromversorgung.

Übungen der Selbstfürsorge die helfen können schädigende Automatismen zu erkennen und zu durchbrechen.

Ich halte inne.