Rosinenübung

Mit dieser Übung erhalten Eltern die Möglichkeit, eine so gewöhnliche Tätigkeit wie das Essen einer Rosine auf neue Weise zu erfahren und zu erleben. Sie üben den „Anfängergeist“. Mit derselben Achtsamkeit sollen sie später auch ihren Familien begegnen.

Acht Menschen sitzen in einer Runde. Der Raum ist hell, warm und gemütlich. Und besser noch: nicht ich habe ihn aufgeräumt. Das macht ihn mir umso sympathischer. Alle schauen freundlich. Oder ist es eher Erleichterung? Erleichterung darüber, endlich einen Weg hinaus aus dem Alltagsterror – aus Wäschebergen, Kinderkrankheiten, klingelnden Telefonen gefunden zu haben. Wir alle tun etwas gutes für uns, um gut für unsere Kinder zu sein. Das legitimiert unser Hiersein und lässt uns mit bestem Gewissen erwartungsvoll in die Gruppe schauen.

Wir stellen uns vor. Lernen uns kennen – unsere Namen, unsere Familienkonstellationen. Ein wenig auch unsere Probleme, aus distanzierter, pointierter Sicht. Und damit auch unsere Hoffnungen, unsere Sehnsüchte nach dem Menschen der wir gerne sein würden, das bessere Ich unserer selbst. Ich gestehe: das besser Ich meiner selbst hätte schlichtweg schon erwachsene, selbstständige, erfolgreiche Kinder. Die allenfalls zu Weihnachten, und dann mit verpackten Nettigkeiten unterm Arm bei mir vorstellig werden.

Die Psychologin nickt wohlwollend, lacht viel und raschelt vielversprechend mit einer Brötchentüte. Sie bittet uns darum, uns acht Wochen auf den Kurs und seine Inhalte einzulassen. Zweifel zu beobachten, aber nicht in Dialog mit ihnen treten. Acht Wochen Offenheit für neue Erfahrungen und Ansätze. Ich bin frei von Zweifeln. Ich fühle mich wohl. Keiner schreit mich an oder wirft mit angesabberten Bio-Brezeln um sich. Mein Telefon wurde zum schweigen verdammt. Mir ist warm und trocken. Warum sollte ich zweifeln?

Die geheimnisvolle Brötchentüte wird geöffnet. Heraus kommen kleine braune Bröckchen gekugelt. Rosinen. Diese sollen wertfrei und zentriert erkundet werden. Aussehen, Geruch, Beschaffenheit, Geschmack beim lutschen, Konsistenz beim kauen, Gefühl beim runter schlucken. Langsam. Unendlich langsam. An nichts denken. Außer an die Rosine.

Die Rosinenübung

Meine Rosine verselbstständigt sich. Sie wandert quasi im Alleingang zum Magen hinab. Ohne mein Zutun. Wie konnte das geschehen? Hoffentlich merkt es keiner. Ich unterbreche also meine Kaubewegungen nicht und malme eifrig und für alle sichtbar konzentriert auf bloßem Speichel in meinem Mund weiter. Zugeben dass ich die Kontrolle über den Werdegang der Rosine verloren habe? Niemals! Ich kaue also und bemühe mich um einen möglichst meditativen und geistzentrierten Gesichtsausdruck. Ich trickse – nun, da das Objekt meiner Aufmerksamkeit sowieso schon zur weiteren Zersetzung verschwunden ist, kann ich meinem Geist auch etwas Ablenkung gestatten. Vor dem Fenster verführt die Sonne und ich strukturiere schon mal den bald folgenden Nachmittag. Reihenfolge des Kindereinsammelns, Spielplatzbesuch, Einkauf, Geburtstagsvorbereitungen.

Die Psychologin holt mich zurück. Weitere Rosinen werden verteilt. Schon wieder? Ich dachte, das hätten wir jetzt fertig erfahren. Meine Hand klebt vom Rosinen-Vermatschen, und eigentlich würde ich mich nun mehr darüber freuen, Hände waschen und in beschwingtere Aktivitäten einsteigen zu können.

Aber nein, wieder meditatives Rosinenbeschnuppern. Ich bringe nun meine ganze Konzentration auf, die jetzige Rosine nicht wieder an den Autopilot-Modus zu verlieren. Ich schiebe sie achtsam durch den Mund und freue mich auf die Süße, die sich erst verbreitet, wenn es uns erlaubt ist die Rosine zu zerbeißen. Ich denke ein wenig über das Mittagessen nach, das mich bald erwarten könnte, wenn jemanden aus der Familie während meiner Abwesenheit die Inspiration befallen würde, in unserer Küche konstruktiv tätig zu werden. Ich befürchte einen gewissen familiären Mangel an solch Ideenreichtum und vernehme ein eindringliches Bauchknurren.

Ich lenke meinen Geist wieder zurück. Zurück zur Rosine. Die Rosine. Die Rosine die sich gerade eben noch in meinem Mund befand. Nicht mehr aufzufinden. Mein Mund rechts, mein Mund links. Ich malme automatisch und blicke mit meinem inneren Auge panisch in meiner Mundhöhle umher. Offensichtlich gab es wieder erfolgreiche Fluchtversuche und die Rosine gesellte sich eigenmächtig  zu ihrer Vorgängerin.

Mich befallen Selbstzweifel. Wie soll ich es schaffen eine Bande Minderjähriger zu bändigen und zu gesellschaftskonformen Menschen heran zu ziehen, wenn sich sogar Rosinen meinem Willen widersetzen und unbefugte Wege durch meinen eigenen Körper einschlagen?

Ich verzweifle und falle innerlich zusammen. Selbstmitleid macht sich breit.

Eine Stimme klopft an. Die Psychologin. Sie verteilt weitere Rosinen. Ich mag nicht mehr.

Ich soll meine Gefühle beobachten. Sie wahrnehmen und willkommen heißen. Mein Selbstmitleid also. Es fühlt sich sogleich wohl. Ich würde es beim Rosinenbetasten gerne wieder vor die Tür setzen. Aber es spielt nun mit. Mit mir und der Rosine.

Bin ich traurig? Warum bin ich traurig? Was haben die Furchen auf der Rosinenhaut mit mir zu tun? Das Selbstmitleid hat Freude an der Rosine. Es schlürft und schlabbert über die Rosinenoberfläche, saugt an ihrem süßen Saft. Die Rosine mag das Selbstmitleid. Sie werden Freunde. Die Rosine verschwindet nicht mehr. Sie bleibt bei mir. Bei Selbstmitleid und mir. Selbstmitleid und ich, wir streicheln uns ein bißchen. Wir kennen uns und haben uns wohl gerne. Rosine lacht. Sie findet das lustig. Wir haben Spaß. Rosine, Selbstmitleid und ich. Wir drei. Wir schubsen uns von rechts nach links, saugen aneinander, bekitzeln uns. Selbstmitleid hält Kitzel am wenigsten aus.  Es kichert und gackert. Rosine auch. Nur leider ist Rosine schon in einem sehr zugesetzten physischen zustand. Es wird wohl nicht mehr lange gut mit ihr gehen.

Und da. Das Kommando. Langsam schlucken.

Ein letzter innerer Blick. Noch ein Abschiedskuss. Selbstmitleid weint eine kleine Träne. Wir winken uns nochmal zu. Rosine geht.

Und Selbstmitleid mit ihr.

 

Das Bild zeigt ein lachendes Rosinengesicht.